Madame Agnès ist eine lebhafte Zuhörerin. Die Wissbegier der zierlichen Filmemacherin mit der munter gefärbten Pilzkopfrisur ist so unverstellt und ermutigend, dass sie auch Menschen zum Erzählen bringt, die es nicht gewohnt sind und die im Kino eigentlich nie vorkommen: alte Bäuerinnen, junge Landarbeiter. In ihrem jüngsten Dokumentarfilm Augenblicke: Gesichter einer Reise sind die wahren Sehenswürdigkeiten der Orte, die Agnès Varda besucht, stets die Frauen und Männer, die dort leben.

"Wir sind sehr froh, Ihnen begegnet zu sein", sagt Varda einmal zu einem jungen Arbeiter, der sich vor der Kamera leidenschaftlich dagegen ausspricht, dass Ziegen in der Nutztierhaltung die Hörner abgesägt werden. Dasselbe mag sie zu jedem Gesprächspartner gesagt haben, dem sie auf ihrer Reise durch das ländliche Frankreich begegnet ist und in dessen Alltag sie immense Poesie entdeckt. Als kluge, beiläufige Soziologin hat sie den Satz jedoch bei der Montage ihres Films einem Mann vorbehalten, der Wurzeln im Maghreb hat und im Süden lebt, wo der rechtsgerichtete Front Nationale hohen Zuspruch hat.

Das Alltägliche groß machen

89 Jahre alt war die Regisseurin und Autorin, als sie zusammen mit dem 55 Jahre jüngeren tiefem Hose mit Devoa mit Hose Devoa Devoa Schritt tiefem Schritt Hose at7WqxZfq zu dieser Reise aufgebrochen ist, um gemeinsam Gesichter und Dörfer zu porträtieren. In einem Wagen, der wie ein mobiler Passbildautomat anmutet, vergrößerte der Fotograf die Aufnahmen und klebte sie sodann auf Häuser, Ruinen, Frachtcontainer oder Züge. Häuser tragen für kurze Zeit das Gesicht ihrer Bewohner und unterstreichen damit die Bindung, die zwischen beiden besteht. JRs Arbeitsweise besteht in der Vergrößerung, Überhöhung des Alltäglichen. Darin besteht die Gemeinsamkeit zwischen ihm und Varda, die zwar gebrechlich wirkt, aber intellektuell rüstig geblieben ist. Auch das Kino von Varda geht stets ein enges Bündnis mit den Schauplätzen ein, stellt eine tiefe Resonanz her zwischen den Orten und der Seelenlage der Figuren, etwa in ihrem Kurzfilm Opéra-Mouffe (1958), in dem sie einen Wochenmarkt mit dem empfindsamen Blick einer Schwangeren betrachtet, und erst recht in Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962), der in Realzeit das bange Flanieren einer Chansonsängerin durch Paris protokolliert, die auf das Ergebnis einer Krebsuntersuchung wartet.

Zugleich ist die Beredsamkeit von Häuserfassaden, die der neue Film bis zu seinem verblüffenden Schluss durchdekliniert, ein Faszinosum, dass die Regisseurin schon 1981 in Mauerbilder beschäftigt hat, ihrer Dokumentation über Murals und Graffiti in Los Angeles, Feldforschung in einer zeichenhaften Welt. In dem Filmessay Die Sammler und die Sammlerin (2000) barg Varda aus den Überresten der Konsumgesellschaft Schätze, die kein anderer Filmemacher entdeckt hätte. Und in Vogelfrei rekonstruierte sie 1985 als Spurensucherin an den Randzonen der bürgerlichen Gesellschaft mit der Schauspielerin Sandrine Bonnaire die letzten Wochen einer Obdachlosen.

Varda mag eine altgediente Avantgardistin sein, ihre Filme führen weiterhin ein vergnügtes, gar nicht trotziges Nischendasein bei einem weltweiten Publikum. Am 30. Mai 1928 wurde Varda im Brüsseler Stadtteil Ixelles geboren und fing nach dem Zweiten Weltkrieg an, als Fotografin zu arbeiten. Ihre Filme verraten zwar einen nachdrücklich weiblichen Blick – Die eine singt, die andere nicht von 1977 zeigt beispielsweise Vardas brennendes Interesse an unterschiedlichen Frauenbiografien –, als Gallionsfigur des Feminismus ließ sie sich dennoch nie vereinnahmen. Allzu hingebungsvoll erkundete sie in ihren Spielfilmen der Sechzigerjahre Entwürfe familiären Glücks, in denen sich auch die Innigkeit ihrer Ehe mit ihrem Kollegen Jacques Demy spiegelte.